In Koblenz war die Premiere der Harvey-Deutschland-Tournee im Jahre 1949. Lilian hatte, nach eigenem Geständnis, "furchtbares Herzklopfen und schreckliches Lampenfieber". Die Leute in Deutschland, erklärte Lilian Harvey hinterher, "sind nett und haben mich freundlich aufgenommen". Zu Beginn der Tournee beantwortete Manager Lemke Friedenau allgemeine Fragen: Miß Harvey sei nicht verheiratet. "Keine Zeit gehabt", rief Lilian dazwischen. "Old girl" scherzte der Manger "old maid" verbesserte ihn Lilian (Old maid = alte Jungfer). Warum sie 1939 aus Deutschland fortgegangen sei? Miß Harvey sei Engländerin. Warum sich Lilian in Dänemark geweigert habe, deutsch zu singen? Die Begleitung sei auf deutsche Lieder nicht vorbereitet gewesen. Lilian selbst zog weniger politische Themen vor. Willi (Fritsch) habe ihr zur Ankunft keine Karte geschickt, er sei gerade bei Außenaufnahmen. "Das gibt's nur einmal" sei noch immer ihr Lieblingslied, sagte Lilian. Sie würde gern wieder mit Erich Pommer arbeiten, der ihr den Schlager 1932 verschaffte.
Die Premiere ihres letzten deutschen Films "Frau am Steuer" im Jahre 1939 hat sie nicht mehr erlebt. Sie saß schon im Zuge nach Paris. Dort hat sie von ihrem Geld eine Filmfirma betrieben. "Serenade", ein Film aus jener Zeit, mit Louis Jouvet als Lilians Partner, soll nächstens in Deutschland gezeigt werden. 1941 ging Lilian nach Amerika. War dort aber nur freiwillige Krankenpflegerin. Die Ehrennadel hat sie noch. Die eigene Filmfirma ging ihr verloren. Seit 1947 hat Lilian singend und spielend in vielen Ländern Europas und auch in Ägypten gastiert.
Vor ihrem ersten Auftritt in Berlin in der "Filmbühne Wien" am Kurfüstendamm, versperrten klatschende Menschenmassen den Eingang zum Kino. Lilian mußte hochgehoben werden, um hereinzukommen. Als sie von ihren Musikern auf die Bühne getragen und vor dem Mikrophon niedergesetzt wurde, jubelte das Publikum anhaltend. Lilian kämpfte mit Tränen. Nach ihrem Vortrag war der Beifall schwächer, aber immer noch liebevoll. Miß Harvey sang mit tiefer gewordener, doch immer noch etwas dünner Stimme ihre alten Filmschlager und Lieder in zahlreichen Sprachen. Einmal tanzte sie auch andeutend. Manche Schlager verband Lilian durch erinnernde Zwischentexte, und manchmal begann sie ihre Ansage mit "Now we turn to" und übersetzte das dann erschrocken ins Deutsche. Sie sei so aufgeregt, entschuldigte sie sich.
Einige Nummern des Rahmenprogramms erwarben mehr Beifall als Lilians Vortrag. Aber als sie aus dem Kino kam, standen wieder Menschenmauern und drängten sich mit "Lilli! Lilli" um ihr hilflos tutendes Auto. Als es dann doch davonfahren konnte, liefen viele hinterher.
Die meisten Zeitungen verzeichneten Lilians Besuch nicht oder nur im lokalen Teil.
Quelle: DER SPIEGEL 38/1949
- Deutschland-Tournee -